115 Jahre Bezirksklinikum Mainkofen: Historisches Sommersymposium

v.li.: Dr. Philipp Rauh, TU München; Gerhard Schneider, Krankenhausdirektor a.D.; Jochen Rössler, Gedenkstättenleiter; Mag. Irene Zauner-Leitner, Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim; Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich; Prof. Dr. Johannes Hamann, Ärztlicher Direktor; Prof. Dr. Hans Förstl, TU München; Prof. Dr. Ekkehardt Kumbier, Universität Rostock; Krankenhausdirektor Uwe Böttcher. Foto: S. Knott

In diesem Jahr feiert das Bezirksklinikum Mainkofen sein 115-jöhriges Bestehen. Aus diesem Anlass fand am 08. Juli 2026 das jährliche Sommersymposium unter dem Motto „115 Jahre Bezirksklinikum Mainkofen – Ein historisches Sommersymposium“ statt, zu dem über 170 Interessierte nach Mainkofen gekommen sind.

115 Jahre seien nicht rund genug, um groß zu feiern, aber ein guter Anlass, um einen Blick auf die Entwicklung der Psychiatrie zu werfen, so die Einschätzung von Prof. Dr. Johannes Hamann, Ärztlicher Direktor in Mainkofen. „Es ist kein uneingeschränkter Grund, um zu feiern, denn die Geschichte ist durchwachsen und weist viele kritische Aspekte auf. Die wollen wir heute durchleuchten. Meine Hoffnung ist, dass wir möglichst viel daraus lernen“, so Prof. Hamann in seiner Begrüßung.

Diesen Gedanken betonte auch Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich in seinem Grußwort. Es sei wichtig für eine Einrichtung wie das Bezirksklinikum Mainkofen, sich immer wieder neu auszurichten und weiter zu entwickeln. „Dazu gehört neben dem Blick auf moderne Entwicklungen auch der Blick zurück. Wir haben eine besondere Geschichte und Verantwortung, auf die wir in unserer Gedenkstätte und mit vielen öffentlichen Veranstaltungen hinweisen.“ Daraus könne eine große konstruktive Kraft entstehen, deren Fokus wiederum auf die Zukunft gerichtet ist. Dr. Heinrich dankte besonders auch den anwesenden Referenten für ihren Blick auf die Entwicklung der Psychiatrie. „Die Blickwinkel, aus denen man sich dem Thema nähert, sind vielfältig und spannend.“

Wer auf die Geschichte der Psychiatrie schaut, beginnt meistens mit einem Blick in die NS-Zeit. Prof. Dr. Hans Förstl, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie von der Technischen Universität München, ging in seinem Vortrag „Ludwig II., Otto I. & die Nervenheilkunde in Bayern“ noch weiter zurück. Es seien vorteilhafte Folgen aus den psychischen Erkrankungen des „Märchenkönigs“ und seinem weniger bekannten Bruder Otto entstanden, deren Diagnosestellung in dieser Zeit sehr schwierig gewesen sei. Die beiden Fälle prägten die moderne Hirnforschung und die bayerische wie auch internationale Psychiatrie.

Es folgte ein intensiver Blick auf die Geschichte der Psychiatrie in Niederbayern und des Bezirksklinikums Mainkofen durch Gerhard Schneider, dem ehemaligen Krankenhausdirektor und Initiator der Gedenkstätte, und durch den aktuellen Gedenkstättenleiter Jochen Rössler. Schneider blickte zunächst in seinem Vortrag mit dem Titel „Von der „Irrenanstalt zur Reformpsychiatrie in Niederbayern“ zurück auf die bewegte 157-jährige Geschichte der Psychiatrie in Niederbayern, die mit der Eröffnung einer „Irrenanstalt“ in Deggendorf im Jahr 1869 ihren Anfang nahm. Bis dahin hatte man sich in Niederbayern kaum um psychisch Kranke gekümmert, es gab lediglich eine Verwahranstalt in Passau. Die auf 250 Patienten ausgerichtete Einrichtung in Deggendorf war jedoch mit der Zeit hoffnungsvoll überfüllt und es herrschten „untragbare Zustände“. So wurde 1907 der Bau einer zweiten Anstalt beschlossen. Die Wahl fiel, auch aufgrund des vorhandenen Gutshofes, auf Mainkofen, denn hier konnten die Patienten in der Landwirtschaft beschäftigt werden. Die Eröffnung der Heil- und Pflegeanstalt Mainkofen erfolgte im Jahr 1911, hier fanden in dem sogenannten Pavillonsystem (in Deggendorf war es das „Korridorprinzip“) 450 Patienten in 10 Abteilungen Platz.

Dr. Paul Reiß, seit 1929 Direktor in Mainkofen, ging damals neue Wege durch innovative Therapieverfahren und bemühte sich zugleich um die Entstigmatisierung psychisch Kranker und um die gesellschaftliche Gleichstellung mit somatischen Patienten. „Irre sind Kranke, Irrenpflege ist Krankenpflege, die Heil- und Pflegeanstalt ein Krankenhaus“, so lautete das Motto von Dr. Reiß.

Derselbe Dr. Paul Reiß sprach in dem Jahresbericht der Heilanstalt im Jahr 1934 von der „Ausmerzung“ und „Unfruchtbar-Machung“ von psychisch Kranken, erläuterte Jochen Rössler in seinem Vortrag „Von der Reformpsychiatrie zur NS-Euthanasie“. Damals war gerade das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft getreten. Es folgte ein bedrückender Rückblick auf das dunkelste Kapitel in der Geschichte von Mainkofen.

Von 1934 bis Ende 1943 wurden hier über 500 Erwachsene und Jugendliche zwangssterilisiert. Ab Kriegsbeginn 1939 setzte die Euthanasie ein, der sogenannte „Gnadentod“. Von Januar 1940 bis August 1941 wurden durch die geheime T4-Aktion insgesamt 604 Patienten in der Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz ermordet. Später wurde die Methode des Mordens verändert: Die Patienten, die als unproduktiv und nicht mehr heilungsfähig galten, wurden systematisch ausgehungert. Von 1943 bis 1945 starben in Mainkofen insgesamt 762 Patienten an den Folgen der Hungerkost. Auch die Pflege wurde vernachlässigt, so Jochen Rössler. „Patienten lagen ohne Bettzeug und ohne Hemden nackt in den Betten, sie suchten in Mülleimern nach Essensresten.“ Deshalb seine Mahnung am Schluss: „Es darf nie wieder so weit kommen.“

Im Anschluss stellte Mag. Irene Zauner-Leitner, stellvertretende Leitung Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, in ihrem Vortrag „Gewordener Tatort – Schloss Hartheim: eine Tötungsanstalt im Kontext der NS-Euthanasie“ die vielfältige Geschichte des Ortes und das Leben dort vor. Zauner-Leitner ging in ihrem Vortrag der Frage nach „Wie verändert sich das soziale Gefüge an diesem Ort mit seiner vielfältigen Geschichte?“ Das Schloss war als geographischer Mittelpunkte des Ortes ein sozialer Treffpunkt und Arbeitgeber. Bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten war Schloss Hartheim ein moderner, innovativ geführter Betrieb und ein potenzieller Arbeitgeber. Im Jahr 1939 erfolgte die Ermächtigung zur Tötungsanstalt. Von Mai 1940 bis Herbst 1944 wurden hier rund 30.000 Menschen mit körperlichen und psychischen Erkrankungen ermordet. Es folgte, so Irene Zauner-Leitner, eine „makabre Gleichzeitigkeit“ der Geschehnisse – mit den stattfindenden Tötungen auf der einen und dem fortlaufenden Alltag im Schloss auf der anderen Seite. In dem Schloss, in dem täglich Menschen ermordet wurden, fanden zugleich Hochzeitsfeste oder andere fröhliche Zusammenkünfte statt. Die Normalität wurde aufrechterhalten, gleichwohl sich die Bevölkerung der Geschehnisse bewusst war. Lange wurde über die Geschichte auch später noch geschwiegen, erst 1969 wurde ein Gedenkraum im Schloss eröffnet. Seit 2003 ist Schloss Hartheim ein Lern- und Gedenkort.

Wie ging es nach 1945 weiter? In seinem Vortrag „Zwischen kommunikativem Beschweigen der NS-Vergangenheit und Enquete-Kommission. Zur Geschichte der westdeutschen Psychiatrie nach 1945“ blickte Dr. rer. biol. hum. Philipp Rauh M.A., Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Technische Universität München, auf den Umgang nach 1945 mit den NS-Verbrechen und die weitere Entwicklung der Psychiatrie in Westdeutschland. Gleich zu Beginn erklärte Dr. Rauh: „Keine Profession ist so häufig in die NSDAP eingetreten wie die Ärzteschaft. Mediziner waren federführend an der Rassen- und Vernichtungspolitik im Nationalsozialismus beteiligt.“ Auch Psychiater seien aktiv an den Maßnahmen der NS-Euthanasie beteiligt gewesen. Wie ging die Medizin nach 1945 mit diesem Erbe um? Die Maßnahmen sind auf politischer Ebene beschlossen worden, Mediziner sind eigentlich dagegen gewesen – so lautete das vorherrschende Narrativ, sagte Dr. Rauh. Und: Wenige Ärzte und Psychiater waren in die Mediziner-Verbrechen involviert. „Das Gegenteil war aber der Fall. Es herrschte ein kommunikatives Beschweigen der NS-Vergangenheit“, so Dr. Rauh. Man redete und verurteilte, hinterfragte aber nicht selbstkritisch eine Beteiligung an den Gräueltaten. Auch in den 50er und 60er Jahren herrschten in den psychiatrischen Einrichtungen in Deutschland noch katastrophale Zustände. „Es war eine Verwahrpsychiatrie.“ Erst mit Beginn der 70er Jahre war ein Wandel zu beobachten, eine Reihe von Reformaktivitäten nahmen ihren Lauf. Der Sozialpolitiker Walter Picard war schließlich ein wichtiger Initiator der Psychiatrie-Enquête, die ab 1975 maßgeblich zur Verbesserung der psychiatrischen Versorgung in Deutschland beigetragen hat. „Die Reformvorhaben sind damals auf eine offene politische Landschaft gestoßen“, so Dr. Rauh.

Auch ein Blick auf die Psychiatrie in der DDR fehlte nicht beim Sommersymposium in Mainkofen. „Seelenarbeit im Sozialismus – Psychiatrie in der DDR zwischen Hilfe, Verwahrung und Missbrauch?“ lautete der Titel des Vortrags von Prof. Dr. med. Ekkehardt Kumbier, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Leiter Arbeitsbereich Geschichte der Medizin, Universitätsmedizin Rostock. Mit dem Ende der DDR im November 1989 herrschte seit Anfang der 90er Jahre auch ein öffentliches Interesse an der Psychiatrie in der DDR, so Prof. Kumbier. Wie haben sich Ärzte und Pflegende damals verhalten? Hatten sie Spielraum in ihrem Handeln? Der Blick zurück weist große Widerspräche auf: Einerseits berichten Patienten von einer wenig individualisierten, oft menschenunwürdigen Behandlung. Andererseits sprechen damals tätige Mediziner und Pfleger von Fürsorge und Engagement trotz materieller Not und politischem Druck. Diese Widersprüche innerhalb der DDR-Psychiatrie werden seit 2019 im wissenschaftlichen Verbundprojekt „Seelenarbeit im Sozialismus“ an der Universitätsmedizin Rostock fächerübergreifend untersucht.

Die Psychiatrie sei damals ein verlängerter Arm des staatlich gelenkten Gesundheitssystems gewesen, erklärte Prof. Kumbier. Der Staat versuchte, psychisch kranke Menschen aus der Öffentlichkeit fernzuhalten und die Institution Psychiatrie hierfür zu instrumentalisieren. Politisch „unbequeme Menschen“ wurden in psychiatrische Einrichtungen zwangseingewiesen. Sogenannte „Informelle Mitarbeiter“ (IM) des Staatssicherheitsdienstes seien als Ärzte, Psychologen und Pfleger eingesetzt worden. Prof. Kumbier betonte in seinem Vortrag aber auch, dass es „die DDR-Psychiatrie“ nicht gegeben habe, sondern viele lokale Psychiatrien, die unterschiedlich agiert hätten. Prof. Kumbier betonte abschließend, wie wichtig es sei, das Thema publik zu machen und die Aufarbeitung voranzubringen. Nicht nur in der ehemaligen DDR, sondern auch in den „alten“ Bundesländern. „Auch hier wollen wir ins Gespräch kommen, deshalb habe ich mich über die Einladung zu dem Symposium in Mainkofen besonders gefreut“, so Prof. Kumbier.

 

10.07.2026

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