Der Geschichte ein Gesicht geben

An der Gedenkstätte wurden von den Schülern Kerzen entzündet und in einer Schweigeminute der Opfer gedacht.
Anlässlich des Bayerischen Gedenktags für die Opfer der NS-Euthanasie fand am Dienstag eine Gedenkveranstaltung am Bezirksklinikum Mainkofen statt. Gestaltet wurde dieser von den Schülerinnen und Schülern der elften Klassen am Gymnasium Freyung. Sie erinnerten anhand eines Schicksals an das Grauen dieser Zeit.
Mit 36 Jahren wurde Johann Schätzl zwangssterilisiert
Der Geschichte nicht abstrakt begegnen, sondern ihr durch das Betrachten eines individuellen Schicksals ein Gesicht geben – das war das Anliegen der Jugendlichen, die sich im Rahmen des Schulunterrichtes bei ihren Lehrkräften Miriam Haidl und Carina Rändchen mit der Euthanasie unter den Nationalsozialisten beschäftigten. Im Fokus stand dabei Johann Schätzl, der als 36-Jähriger mit der Diagnose Schizophrenie in das Bezirksklinikum Mainkofen eingeliefert und dort zwangssterilisiert wurde. Auf dringenden Wunsch seiner Frau wurde er nach einem Jahr wieder entlassen. Dies geht aus den Akten über Johann Schätzl hervor, die dessen Enkel Hans Schätzl aus Passau den Schülern zur Verfügung gestellt hatte.
Akten in Nacht- und Nebelaktion gesichert
Dass es diese Akten überhaupt noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit, wie Bezirkstagspräsident Dr. Olaf Heinrich bei der Gedenkveranstaltung betonte. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde darüber nicht mehr gesprochen – auch nicht in den Kliniken. Man wollte in Mainkofen die Akten sogar vernichten.“ Der spätere Leiter des Klinikums, Gerhard Schneider, brachte die Unterlagen damals in einer Nacht- und Nebelaktion in Sicherheit und beschäftigte sich über Jahre in seiner Freizeit mit der dunklen Geschichte von Mainkofen, wie sie unter den Nationalsozialisten in allen „Heil- und Pflegeanstalten“ zum Alltag gehörte. Für dieses Engagement wurde Schneider mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
So verlief die NS-Euthanasie in Mainkofen
1934 trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Bei den Sterilisationsaktivitäten gehörte Mainkofen zu den Spitzenreitern der bayerischen Anstalten. Von 1934 bis Ende 1943 wurden über 500 Erwachsene und Jugendliche „zwangssterilisiert“.
Ab Kriegsbeginn 1939 setzte die Euthanasie ein, der sogenannte „Gnadentod“. Von Januar 1940 bis August 1941 wurde die T4-Aktion durchgeführt (benannt nach der Zentrale in Berlin, Tiergartenstr. 4). Dabei wurden in ganz Deutschland mehr als 70.000 Patienten ermordet.
In Mainkofen begann T4 ab Sommer 1940: Auf Meldebögen wurden alle Patienten erfasst, die ausgefüllten Bögen nach Berlin geschickt, dort entschieden sogenannte „Obergutachter“ über Leben und Tod. In fünf Transporten wurden von Oktober 1940 bis Juli 1941 insgesamt 604 Patienten – darunter auch Kinder – vom Bahnhof Pankofen in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz gebracht. Später wurde die Methode des Mordens verändert: Die Patienten, die als unproduktiv und nicht mehr heilungsfähig galten, wurden systematisch ausgehungert. Von 1943 bis 1945 starben in Mainkofen insgesamt 762 Patientinnen und Patienten an den Folgen der Hungerkost – auch wenn als offizielle Todesursache meist „Lungentuberkulose“ oder „Darmkatarrh“ vermerkt wurde.
„Hinter jeder Akte steht ein Mensch“
„Hinter jeder Akte steht ein Mensch mit seinem eigenen Leben, verbirgt sich ein individuelles Schicksal“, hob die Schülerin Eva Kloiber hervor. Mit einem Interview mit Hans Schätzl, einem Zeitzeugen der dritten Generation, begann ihre Spurensuche in den damaligen Krankenakten. „Doch die Akte dokumentiert nur die Sicht der Ärzte. Wir stellten uns die Frage wie es all den anderen ging, die nicht in der Akte vorkommen – den Freunden und Angehörigen“, erklärte der Schüler David Bošnjak den Gästen der Gedenkveranstaltung. Deshalb gestalteten die Jugendlichen ein fiktives Tagebuch aus Sicht der Ehefrau Berta Schätzl.
„Diese Idee und ganz neue Zugangsweise ist sehr wertvoll für uns“, unterstrich die Pflegedirektorin Agnes Kolbeck und bedankte sich auch bei Jochen Rösler, der als „Seele der Gedenkstätte“ für deren Betreuung und die Führungen zuständig ist. Diese Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Anstaltsfriedhofs wurde im Jahr 2014 eröffnet und erinnert seither an die vielen Hundert Opfer von damals. „Mit dem Thema hat man sich im Bezirkstag durchaus schwergetan – es tut weh, alte Wunden wieder aufzureißen. Das war eine Herausforderung für alle Beteiligten.“ Doch umso beeindruckender sei dann der Tag der Einweihung gewesen, als plötzlich ein Patient im gelben Gewand auftauchte und die Gäste segnete. „Wir alle wussten, dieser Mensch wäre damals umgebracht worden“, so Heinrich. Und als ob dies auch von ganz oben gewürdigt worden wäre, riss im Moment der ersten Kranzniederlegung auf der neuen Gedenkstätte plötzlich der Himmel auf, der Nebel verzog sich und die Sonne strahlte. „Das war sehr bewegend.“
„Wir dürfen nicht vergessen, dass Herkunft und Zukunft gehören zusammen“
Bewegend war es dann auch, als sich die Freyunger Schüler am Dienstag nach der Vorstellung ihrer Projektarbeit im Festsaal mit allen Gästen auf den Weg zur Gedenkstätte machten, um dort Kerzen anzuzünden und in einer Schweigeminute den Opfern zu gedenken. Es gebe nichts Besseres, als wenn sich junge Menschen mit dieser Geschichte beschäftigten, so Heinrich und ergänzte: „In einer Welt, die sich so schnell verändert, dürfen wir nicht vergessen, dass Herkunft und Zukunft zusammengehören. Auch wenn natürlich keiner von uns dafür eine persönliche Verantwortung trägt, müssen wir alle heute und in Zukunft gemeinsam dafür Sorge tragen, dass sich so etwas niemals wiederholt.“ Vor allem, weil aktuell menschenfeindliche Aussagen öffentlich geäußert würden, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren.
Dass Johann Schätzl tatsächlich schizophren war, stellt sein Enkel heute in Frage. „Er hat später nie Medikamente eingenommen und arbeitete nach seinem Aufenthalt in Mainkofen noch Jahrzehnte im Steinbruch. Vermutlich war er nach einem Unfall mit einer Explosion nur etwas neben sich und wirkte sonderbar“, denkt Hans Schätzl. Bis ins Detail kann man all das nicht mehr nachvollziehen, aber immerhin kann man sich anhand der Akten aus Mainkofen noch auf Spurensuche begeben. „Für das große Vertrauen in uns“ bedankten sich die Schüler am Ende bei Hans Schätzl, der sich freute, dass die Geschichte seines Großvaters von diesen engagierten Jugendlichen aufgearbeitet wurde.
Text und Foto: Bezirk Niederbayern, Manuela Lang
21.01.2026
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